#15 Trauma

Anonym
07. Juli 2020, 12:30 MESZ aktualisiert am 07. Juli 2020, 12:30 MESZ

Puuuh, der Titel hört sich schon anstrengend an und du fragst dich, was das mit dir und tamilisch sein zu tun hat? Verstehe ich! Darf ich dich trotzdem mit auf eine Gedankenreise und zu neuen Perspektiven führen?

2003

Als Achtjährige sitze ich im Auto meines Vaters in Süddeutschland, auf dem Weg zum Einkaufen. Es ist ein heißer Tag und durch das heruntergelassene Fenster strömt Luft in mein Gesicht. Ich möchte mehr davon und strecke meine Hände aus dem Wagen.

„ARMY-KARER KANDU SUDA PORANGAL!“ (Die Soldaten werden uns sehen und schießen), brüllt meine Mutter verzweifelt aus dem Nichts.

Was ist Trauma?

Wenn wir einen geliebten Menschen verlieren, eine unheilbare Krankheit diagnostiziert wird oder uns erhebliche Gewalt widerfährt, könnten wir mit der Situation überfordert sein. Wir fühlen uns ohnmächtig und hilflos, denn nichts, was wir tun können, kann den Schmerz abwenden. Diese Ohnmacht kann uns so erschüttern, dass wir diese Verletzung langfristig mit uns tragen. Wenn die Seele verletzt ist, sprechen wir von Trauma. Solange die Wunde nicht geheilt ist, werden wir leicht in die Situation und die Gefühlswelt des traumatischen Erlebnisses zurückversetzt. Das ist der Grund, aus dem wir manchmal „überreagieren“. So erging es damals meiner Mutter: Durch den Trigger war sie nicht mehr in Deutschland im Jahr 2003, sondern reagierte als erschrockene Tamilin in Sri Lanka, für die aufmerksamkeitserregendes Verhalten den Tod bedeutet.

Nicht jeder, der etwas Schlimmes erlebt, ist traumatisiert. Auch wenn du selbst nicht davon betroffen bist, hilft dir das Trauma-Konzept vielleicht, Verhaltensweisen anderer in der Diaspora zu verstehen.

Krieg und Trauma

Du ahnst schon, wo es beginnt. Unsere Eltern haben den Krieg erlebt. Sie haben erlebt, wie unschuldige Menschen brutal getötet wurden.

Wie die Familie des Opfers litt.

Dass sie hierfür keine Gerechtigkeit erfuhr.

Dass ein Leben für immer erloschen ist.

Dass unsere Eltern selbst an dieser Stelle hätten sein können.

Doch nicht nur das ist traumatisch. Auch Kriegsverletzungen und die ständige Angst vor all dem können verstören. Das sind die offensichtlichen Aspekte von Trauma.

Mitzuerleben, dass sie zu einer Minderheit gehören, die unterdrückt wird, bringt die Gewalt auf eine institutionelle, systematische Ebene. Es gibt keine höhere Instanz, zu der Minderheiten  in Sri Lanka vertrauensvoll gehen und ihr Recht einklagen können. Denn das System, in dem sie lebten, war gegen sie. Es unterdrückte sie durch Gesetzte, durch rassistische Menschen in Machtpositionen und durch pure physische Gewalt des Militärs.

Was bleibt, ist die Überforderung.

Das Gefühl, als Mensch nicht wichtig zu sein.

Umgang mit Trauma

Auf ein Trauma reagieren Menschen grundsätzlich auf drei verschiedene Weisen: Kampf, Flucht oder Erstarrung. Was bedeutet das im Kontext von Sri Lanka?

Menschen, die typischerweise erstarren, werden lust- und kraftlos. Ohne Lebenslust bewältigen sie die nötigsten Aufgaben.

Kampf bedeutet, sich zusammenzutun und seine Rechte einzufordern. Der Schmerz sitzt so tief, dass er viele Eelam-Anhänger jahrzehntelang befähigte, trotz allem unerbittlich zu kämpfen.

Mentale Flucht kann am Heimatort und im Alltag stattfinden: Man passt sich an. Diese Überlebensstrategie führt dazu, dass Menschen sich bloß nichts zu Schulden kommen lassen und leise sind. Irgendwann merkten unsere Eltern, dass es aussichtslos ist. Durch das Erleben von Krieg, Diskriminierung und Armut – gepaart mit Hilflosigkeit und Ohnmacht – kam es zur Entscheidung der Flucht.

Trauma der Entwurzelung und die Diaspora

Unsere Eltern mussten Familie und Freunde hinter sich lassen, unwissend, ob es ein Wiedersehen geben wird.

Schuldgefühle, weil die Familie zusammenlegt, damit zumindest unsere Eltern fliehen können.

Schuldgefühle, weil unsere Eltern überleben, die Bleibenden aber vielleicht nicht.

Dann beginnt die Reise: lang, beschwerlich und vielleicht nicht legal. Ob sie sicher ankommen und bleiben dürfen, wissen sie nicht.

In Deutschland angekommen ergibt sich ein neues Bild. Unsicherer Aufenthaltsstatus, keine Arbeitserlaubnis, Rassismus in den Behörden. Später ergeben sich weitere Herausforderungen: Die Bildung, der Status und der Reichtum in der Heimat spielen hier keine Rolle. Unsere Eltern putzen, schrubben, schleppen, rackern… und werden dafür gering entlohnt. In der deutschen Gesellschaft sind sie zunächst ganz unten. Es ist schwierig, sich in einer fremden Sprache durch ein neues System zu navigieren.  Die Abläufe, Ansprechpersonen und Gespräche bei Behörden, Ärzten, Schule sind anders als in Sri Lanka. Unsere Eltern wissen, dass sie das deutsche System nicht ganz durchblicken können, was wiederum zu einem Gefühl der Ohnmacht führt: das Kernelement von Trauma. Wären sie in einer friedvollen Heimat geblieben, könnten sie nicht nur ein anderes Leben führen, sondern auch uns Kinder besser unterstützen.

Wie eine sichere Insel hilft die tamilische Community unseren Eltern, sich zu vernetzen und sich gegenseitig zu unterstützen. Die starke Ausrichtung an die Gesellschaft, die in der tamilischen Kultur wichtig ist, wird durch die gemeinsame Diaspora-Erfahrung verstärkt. Die Folge:  krankhaftes Festhalten an Menschen, Traditionen und Einstellungen und das Mantra „Maetha aakal enna ninaipangal?“ (Was denken die anderen?) über die wir in der zweiten Generation den Kopf schütteln.

Vererbtes Trauma

Auch ich habe meine Augen verdreht, als ich zum ersten Mal vom transgenerationalen Trauma hörte. Wenn du bis hierher durchgehalten hast, bleib dran! Jetzt geht es um dich!

Kannst du dir vorstellen, dass all die unglaublichen Dinge, die unsere Eltern durchlebten, Einfluss auf deine Erziehung und dich haben? Wenn ja, inwiefern?

Unsere Eltern mussten Mechanismen und Strategien entwickeln, um sowohl mit der Situation in Sri Lanka als auch den neuen Erfahrungen in Deutschland umzugehen. Beides sind Extremsituationen und erfordern extreme Mechanismen. Diese Mechanismen werden uns unterbewusst mitgegeben, damit wir möglichst gut durch die Welt kommen – aus ihrer Sicht. Als kleine Kinder saugen wir die Emotionen unserer Eltern ungefiltert auf und führen sie unser Leben lang spazieren, bis wir sie hinterfragen.

Unsere Eltern versuchten uns zu vermitteln, dass die Welt kein sicherer Ort sei – weil sie für unsere Eltern auch keiner war. Wir können ein starkes Misstrauen entwickeln – gegenüber Deutschen, Behörden etc. Durch das Trauma misstrauen wir vielleicht auch den Menschen, denen wir trauen könnten.

Bei „Kämpfer“-Eltern kann es dazu führen, dass wir früh politisiert werden. Vielleicht bringen wir uns sehr in die tamilische Gesellschaft ein, dafür aber umso weniger in die deutsche. Weil wir auf Kriegsfuß sind, gehen wir vielleicht nicht wählen oder engagieren uns nicht in deutschen Organisationen.

Als Kind einer Mutter, die „Flucht“ als Strategie nutzt, mache ich folgende Beobachtung: Ich bin  sehr höflich und fleißig, „ganz die Mutter“. Das sind doch gute Eigenschaften? Nicht aus meiner Perspektive. Ich sehe keine andere Wahl, als so zu sein. Wenn mir Ungerechtigkeit widerfährt, spüre ich eine große, mich lähmende Angst, die mir in den banalsten Situationen nicht erlaubt, einen Konflikt anzugehen. Die Angst ist nicht der Situation angemessen.

Noch zwei Tabus

Ich wurde von meinen Eltern geschlagen. Ziemlich brutal. Ich wurde beschimpft. Das war umso schwieriger für mich, weil meine Eltern mir nie „ausgleichend“ mitteilten, dass ich gut bin, wie ich bin. Hinzu kommt, dass ich Einzelkind bin und relativ wenig Kontakt zu anderen Tamilen hatte, sodass ich meine Erziehung nicht richtig einordnen konnte: Lange dachte ich, dass nur ich so behandelt werde, weil ich ein besonders schlechter Mensch war. Sehr lange habe ich darunter gelitten.

Aber jetzt habe ich verstanden, woher das kommt. In der Welt meiner Eltern hat ihnen niemand vermittelt, dass sie gut sind, wie sie sind. Im Gegenteil: Weil sie sind, was sie sind (nämlich Tamilen), wurden sie missachtet. Erst wenn sie eine Leistung erbringen, sehr vorsichtig und unauffällig sind, hatten sie überhaupt eine Überlebenschance. Da das für Tamilen (und somit für meine Mutter) eine alternativlose Überlebensstrategie war, presste sie mich mit Gewalt in diese Form.

2018 erhielt ich die Diagnose: Posttraumatische Belastungsstörung. Bei mir äußert sich das in Träumen der Gewalt, Schlaflosigkeit und Ängstlichkeit, die für andere nicht nachvollziehbar ist. Vielleicht geht es dir ähnlich oder dir fällt eine andere Person ein, auf die das zutreffen könnte. Ich habe das Gefühl, dass wir in der Community wenig über psychische Gesundheit sprechen, obwohl wir aufgrund Geschichte und Politik ziemlich viel durchmachen mussten.

Und jetzt?

Auch wenn das alles düster klingt, sehe ich unser Potenzial. Denn durch den Einfluss unserer Eltern haben wir viel Wertvolles erhalten: Der Leistungsdruck unserer Eltern ermöglichte uns einen besseren Bildungsweg als vielen anderen migrantischen Gruppen, was uns wiederum Einflussmöglichkeiten bietet. Wir sind sensibilisierter für andere politische Konflikte. Wir haben das Privileg, zwei Kulturen sehr gut zu kennen und dadurch verschiedene Perspektiven einzunehmen, sind dadurch sensibler gegenüber anderen Kulturen und Menschen. Wir haben früh  Verantwortung für unsere Eltern übernommen (z.B. bei Behörden und durch Übersetzungen) und haben gelernt, stark zu sein und dranzubleiben.

Das Gegenteil von Trauma ist Empowerment. Und davon sehe ich ziemlich viel in unserer Generation. Wir sind es, die über Tabuthemen wie das Kastensystem (danke ITSA!) oder über Persönlichkeitsentwicklung (die Mädels von Tamil Empowerment) sprechen oder Entwicklungszusammenarbeit (go comdu.it und shylo!) leisten.

All das ist der Auseinandersetzung mit schmerzhaften Situationen entsprungen und hilft uns allen, auch aus Schwierigem etwas Sinnhaftes zu kreieren.

Disclaimer:
Die verfassten Beiträge in dieser Blogreihe werden, beruhend auf persönlichen Erfahrungen und Erlebnissen, verfasst. Die persönlichen Umstände und das persönliche Umfeld spielen dementsprechend eine große Rolle. Somit präsentieren die Artikel nur persönliche Ansichten und möglicherweise auch Lösungsansätze, die nicht auf alle übertragbar sind. Keinesfalls wollen wir implizieren, dass dies die einzig korrekte Sichtweise auf das entsprechende Thema ist oder jemanden damit angreifen. Wir sind dankbar für jedes Feedback und für jede Kritik und respektieren eure geäußerten Meinungen. Ihr könnt gerne eigene Beiträge verfassen und uns zukommen lassen, um auch eure Sichtweisen und Lösungsmöglichkeiten zu präsentieren.

Euer ITSA-Team

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Anonym
Anonym
3 Monate zuvor

Sehr gelungener Beitrag! Ich finde es verdient enormen Respekt über die eigene PTBS hinweg sehen zu können und die positiven Aspekte der Erziehung und Migration zu sehen – danke, dass du deine Erfahrung teilst! Ich stimme dir zu, dass psychischer Gesundheit leider oft zu wenig Aufmerksamkeit in der Generation unserer Eltern geschenkt wird. Ich habe Psychologie studiert und musste mir oft von aunties und uncles anhören, dass psychische Krankheiten ja nicht so schlimm sind wie physische bzw. keine „wirklichen“ Krankheiten seien. Ich bin aber zuversichtlich, dass unsere Generation mit diesem Thema offener und sensibler Umgehen wird.

AnonymII
AnonymII
3 Monate zuvor

Toller Beitrag! Leider bekommt das Thema ,,transgenerationales Trauma ” in der tamilischen Community nicht so viel Aufmerksamkeit wie es verdient. Ich hoffe, dass sich da was in unserer Generation ändern wird und diese Probleme auch öfters zur Sprache kommen.

Auchanonym
Auchanonym
3 Monate zuvor

Habt ihr Gewalt durch eure Eltern erfahren? Wenn ja, inwiefern belastet sie euch?

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