#2 Leistungsdruck

Prasanna
13. Mai 2020, 13:30 MESZ aktualisiert am 13. Mai 2020, 13:35 MESZ

Der Leistungsdruck bei Tamilen verhält sich so wie die Metallfeder in einem Kugelschreiber: Wird der Kugelschreiber genutzt, steht die Feder unter Spannung und muss liefern; wird der Kugelschreiber beiseitegelegt, kann sich die Feder im wahrsten Sinne des Wortes „entspannen“.

Ob in der Schule, in der Uni, im Sportverein oder bei Wettbewerben jeglicher Art: Nur mit einer Top Leistung macht man auf sich und seine eigenen Eltern aufmerksam. Viele tamilische Eltern, darunter auch Eltern von Freunden, lebten nach dem Prinzip „Das Beste oder nichts“ (by the way der aktuelle Slogan eines deutschen Autobauers). „Dabei sein ist alles“ reicht ihnen meist nicht. Hat das eigene Kind Erfolg, legen ihnen die Eltern die Welt zu Füßen. Scheitern sie, öffnet sich ein Tor in die Hölle. Versagen ist nicht erwünscht und wird in einigen Haushalten sogar hart bestraft. Damit z.B das Kind die Schule mit bestmöglichen Noten absolviert, wird abseits der Schule vieles versucht (Nachhilfe, Zusatzunterricht).

Im Folgenden möchte ich auf meinen Schul- und Bildungsweg zurückblicken und dabei Aspekte hervorheben, die klarmachen sollen, warum Eltern so auf Leistung pochen.

Eines vorweg: Viele Tamilen sind aufgrund des Bürgerkrieges geflohen. Viele haben jung geheiratet, sind früh Eltern geworden und haben viele Hürden auf sich genommen, um in Europa ein neues sicheres Zuhause zu finden. Jede einzelne Story eines Elternteils liest sich wie eine wahre Odyssee. Diesen Aufwand müssen wir, die Generationen nach den Eltern, wohl nie auf uns nehmen müssen. Wir leben in politisch sicheren, wirtschaftlich stabilen und sozial starken Nationen. Wir verdanken unseren Eltern das Dach über dem Kopf, das Essen auf dem Tisch, die Klamotten auf unserer Haut. Wenn sie eines von uns abverlangen dürfen, dann ist es die Tatsache, aus unseren, durch sie geschaffenen, Möglichkeiten, das Beste zu machen.

Im Leben eines Kindes mit tamilischem Migrationshintergrund sind bei dessen Geburt die Stationen des Lebens meist schon vordefiniert: Schule®Studium/Ausbildung®Job® Heirat®Familie. Irgendwo dazwischen befindet sich auch noch die Kindheit. Spaß darf im Leben natürlich nicht fehlen.

Kindergarten und Schule bis zum 3.Schuljahr waren noch angenehm und entspannt. Solange die Lehrer nichts angemerkt haben, war alles in Ordnung und die Eltern zufrieden. Wenn dann im 3.Schuljahr Schulnoten erstmals Anwendung als Leistungsbewertung finden, geht der Spaß richtig los. Nochmal zur Erinnerung: Die Schulnoten reichen von 1 „sehr gut“, bis 6 „ungenügend“. Für tamilische Eltern existieren nur die ersten Noten 1&2, „sehr gut & gut“. Und warum? Weil sie als einzige das Wort „gut“ enthalten. Für die Eltern, aus Sri Lanka eingewandert, mit Problemen beim Erlernen der deutschen Sprache, werden nur zwei Zustände verständlich. Den „guten“ und den „nicht guten“, folglich „schlechten“ Zustand. Begriffe wie „befriedigend“ und „mangelhaft“ werden per se nicht verstanden, als schlecht werden sie dennoch eingestuft, da sie das Wort „gut“ eben nicht enthalten. Bin ich mal mit was Schlechterem als einer 2 nach Hause gekommen, gab es immer die gleichen Fragen: „Was ist los mein Sohn? Gaben wir dir nicht genug? Wieso haben andere Kinder gute Noten und du nicht? Das kann doch nicht sein Junge?! Wenn es nächstes Mal nicht besser wird, kannst du was erleben.“ Mein Lieblingsspruch in diesem Zusammenhang: „Mensch du bist in Deutschland, du sprichst deutsch und dennoch schreibst du eine 4 in Deutsch???“ Und alle Erklärungsversuche, Deutsch-Unterricht sei nicht ansatzweise das Gleiche wie Tamilisch-

Unterricht, werden einfach heruntergespielt. Ab dem zweiten Halbjahr des 3.Schuljahres (wir sprechen vom Jahr 1999) bemühte ich mich umso mehr, gute Noten zu erhalten. Denn ab da wurde der Grundstein für die Schulform gelegt, die man ab der 5.Klasse besuchte.

Und wie sollte es anders sein? Natürlich hieß die Vorgabe: Gymnasium. Pep Guardiola würde sagen: Gymnasium oder nix! Den Schritt auf das Gymnasium habe ich letztendlich geschafft. Bis 2009 ging der Weg direkt auf das Abitur zu. Aber der Start war holprig: Neues Gelände, neue Kameraden, neue Lehrer, ganz anderer Leistungsanspruch. Aus den vielen 1en und 2en aus der Grundschulzeit wurden vermehrt 3en und 4en. Vereinzelte 5er und 6er gehörten leider auch dazu. Mit größerem Anspruch seitens der Schule stieg auch der Anspruch der Eltern. Immer weiter, immer besser, immer effizienter. Die Standpauken wurden lauter, die Strafen härter (Hausarrest, Verbot der Nutzung von PC-und Spielekonsolen), sofern die Noten nicht entsprechend gut waren. Auf der anderen Seite wurden aber die Belohnungen für gute Noten hochwertiger. Dennoch gab es notentechnisch immer ein Hin und Her bei mir. Bis auf 1-2 Schuljahre drohte nie das „Sitzenbleiben“. In der 10.Klasse gab es bei mir eine kleine Leistungssteigerung. Denn nach der 10.Klasse war, wenn auch nur kurz, der Gedanke da, mit Erreichen der mittleren Reife die Schule zu beenden und eine Ausbildung zu beginnen. Aber dieser Gedanke war schon kurz vor Ende des Schuljahres verflogen, da meine Eltern das Abitur als Ziel mit aller Deutlichkeit ausgegeben haben. In der Oberstufe haben sich die Leistungen eingependelt, das Abitur habe ich geschafft und schnell war mir klar: Ich gehe auf die Uni.

Mein Abi ist nicht mehr als Durchschnitt, aber von Enttäuschung bei den Eltern war keine Spur zu sehen, denn das Abi ist sicher in der Tasche und der nächste Schritt die Uni, was für sie der „Next Level“ war. Über meine Studienfachwahl gab es, zu meiner Verwunderung, keine Diskussionen, obwohl natürlich der insgeheime Wunsch seitens meiner Eltern da war, Medizin (wegen Arzt), Jura (Anwalt) oder Maschinenbau (Ingenieur) zu studieren. Die klassischen „High Status“ Berufe in der tamilischen Kultur. Ich habe mich für die Fächer Geowissenschaften und Georessourcenmanagement entschieden und zog nach Bonn, um an der dortigen Uni zu studieren. Zum Studium gab es von meinen Eltern nur die Vorgabe, dieses schnell zu beenden, denn es soll schnell im Anschluss ein Job gefunden, geheiratet und eine Familie gegründet werden (zu diesen Themen kommen bestimmt Texte anderer Autoren im Blog). Noten von Uni-Klausuren waren erstmal egal (zumindest im Bachelor), denn schnell setzte sich der Gedanke „bestanden ist bestanden“ durch. Ich habe es mir sehr einfach gemacht, indem ich meine Eltern nie über versemmelte Klausuren, 2.- oder Drittversuche informiert habe, sondern mich nur gemeldet habe, sobald was bestanden wurde. Das spart viel Kraft, Ärger und Frust. Und es entsteht nebenbei die Zuversicht bei den Eltern „ah guck mal der spaziert da durchs Studium“. Auch bei den Abschlussarbeiten hatte ich ungewohnt viel Ruhe, da ich den Kniff nutzte, Ihnen nichts über das Abgabedatum zu erzählen.

Bachelor und Master wurden zügig studiert, bei der Absolventenfeier wurden reichlich Fotos gemacht, man will ja schließlich in der Familie und Gemeinde zeigen was der eigene Spross erreicht hat und ich begab mich auf Jobsuche. Mich verschlug es Ende 2014 nach Aachen, wo ich heute noch lebe und arbeite. Mein Job (ich arbeite in der Logistik-Branche) mag nicht zu meiner Studienfachwahl passen, aber ich habe damals das erstbeste Job-Angebot angenommen und bereue es bisher nicht. Denn ich habe, so behaupte ich, immer noch die Möglichkeit, mich jederzeit umzuorientieren, erneut den Wohnort zu wechseln und neue

Herausforderungen anzunehmen. Ich blicke auf das bisher Erreichte gerne zurück und weiß zu schätzen, wieviel Arbeit ich selbst in die Bildung, aber auch meine Eltern in mich gesteckt haben. Denn eines ist mir gewiss: Ziele erreicht man nur mit Fleiß, Engagement und Leistung. Unsere Eltern wollen uns zu Höchstleistungen treiben, damit wir das Beste aus uns herausholen. Am Ende profitieren in erster Linie wir selbst davon, wie wir die Schul- und Studienzeit angehen und abschließen. Aber seid auch ehrlich zu euch selbst: Stellt ihr Probleme bei bestimmten Fächern, Lehrpersonen, Mitschülern fest, scheut euch nicht das Gespräch zu suchen. Ob mit den Eltern, Lehrpersonen oder Freunden, Gemeinsam findet man eine Lösung.

Genießt eure Schul- und Studienzeit, macht einen vernünftigen Abschluss und erfreut euch an dem Anblick stolzer Eltern. Das ist das, was ich euch mitgeben kann. Und damit lege ich meinen Kugelschreiber zur Seite und entspanne jetzt.

 

Disclaimer:
Die verfassten Beiträge in dieser Blogreihe werden, beruhend auf persönlichen Erfahrungen und Erlebnissen, verfasst. Die persönlichen Umstände und das persönliche Umfeld spielen dementsprechend eine große Rolle. Somit präsentieren die Artikel nur persönliche Ansichten und möglicherweise auch Lösungsansätze, die nicht auf alle übertragbar sind. Keinesfalls wollen wir implizieren, dass dies die einzig korrekte Sichtweise auf das entsprechende Thema ist oder jemanden damit angreifen. Wir sind dankbar für jedes Feedback und für jede Kritik und respektieren eure geäußerten Meinungen. Ihr könnt gerne eigene Beiträge verfassen und uns zukommen lassen, um auch eure Sichtweisen und Lösungsmöglichkeiten zu präsentieren.

Euer ITSA-Team

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