#3 Er sagt - Sie sagt

Anonym
10. Juni 2021, 15:30 MESZ aktualisiert am 10. Juni 2021, 15:30 MESZ

Bei dem folgenden Interview handelt es sich um zwei junge Erwachsene. Beide sind in ihren Zwanzigern und erzählen über ihre Erfahrungen mit den typisch tamilischen Rollenbildern. 

M- Mann, F- Frau

1. Wenn ihr euch den aktuellen Stand der tamilischen Gesellschaft bezüglich „Typisch Mann“ und „Typisch Frau“ anseht, würdet ihr dann lieber zu den Männern oder den Frauen gehören wollen? Warum?

F: Wenn es nur um meinen Partner und mich geht, wäre es mir egal, weil wir auf Augenhöhe sind und dem jeweils anderen gegenüber keine Vor- oder Nachteile durch unser Geschlecht haben. Wenn man aber den Blick unserer Familien mit einbezieht, wäre ich lieber ein Mann. Als Frau habe ich oft das Gefühl auf meine Hausfrau-Qualitäten degradiert zu werden, obwohl es keinen Grund dafür gibt. Mein Partner und ich sind beide in Deutschland geboren und aufgewachsen, haben unser Abitur gemacht und studiert, dennoch scheint seine Bildung viel wichtiger für unsere Familien zu sein als meine. Das Thema Haushalt ist am schlimmsten: für uns als Paar ist klar, dass wir uns den Haushalt und alles was sonst so anfällt, teilen – warum auch nicht? Für unsere Eltern kommt das nicht in Frage. Ich als Frau muss den Haushalt schmeißen und kochen. Und dann soll ich nicht mal irgendetwas kochen was ich mag, nein, es muss stets meinem Partner gefallen. Solche Situationen kommen immer wieder vor, auch schon bei Kleinigkeiten. Ich darf abends wenn es zu spät ist nicht mehr mit dem Auto nach Hause fahren, er schon, obwohl wir beide zur gleichen Zeit unseren Führerschein gemacht haben. Auch wichtige Entscheidungen darf ich plötzlich nicht mehr alleine treffen. Erst soll alles von meinem Partner abgesegnet werden. Für mich als Frau, die in Deutschland unter den gleichen Umständen aufgewachsen ist, macht das überhaupt keinen Sinn – für ihn zum Glück auch nicht. Ich hoffe, dass diese veralteten Bilder unserer Eltern nicht mehr aufrecht gehalten werden, denn es ist einfach nur unfair.

M: Bis kurz vor meinem jetzigen Alter (mitte 30) hätte ich sofort zu den Männern gehören wollen. Ganz typisch wie in jeder Kultur die sich unserer ähnelt der Freiheit wegen und allein schon aus dem Grund was Frauen in unserer Kultur während der Periode zugemutet wird. Dennoch merke ich gerade in meinem Alter, dass man auch als „Typisch Mann“ gewissen Erwartungen gerecht werden muss. Trotzdem wäre ich im Jahre 2021 lieber ein tamilischer Mann.

2. Verspüren Männer einen gewissen Druck durch die Gesellschaft, weil sie als Hauptverdiener gesehen werden?

F: Ich denke schon. Wobei auch hier der Druck in den meisten Fällen von den älteren Generationen ausgeübt wird. Heutzutage ist es oft so, dass beide Partner das Geld verdienen.

M: Ich kann den Druck als Hauptverdiener nicht ganz beurteilen. Aber ich denke ganz alteingesessene machen sich sicherlich selber den Druck (fast schon machohaft) bzw. kriegen es auferlegt durch gleichgesinnte in der Gesellschaft (Typischer Spruch: Der lässt seine Frau arbeiten gehen und lebt davon…). Aber verglichen zu anderen extrem konservativen Kulturen, finde ich unsere noch relativ liberal in dieser Hinsicht.

3. Legen Frauen weniger Wert auf Karriere, weil man davon ausgeht, dass ihre Männer dafür später verantwortlich sein werden?

F: An dieser Stelle muss ich leider sagen: Ja. Das gilt natürlich nicht für alle Frauen, aber ich habe selber oft genug erlebt, wie einige Frauen das ausgenutzt haben. Viele haben ihre (Aus)bildung auf Eis gelegt, um Hausfrauen und Mütter zu werden. An sich spricht auch nichts dagegen, aber ich persönlich finde es sehr schade. Wir haben hier so viele Chancen und Möglichkeiten uns etwas aufzubauen, es ist einfach schade, wie viele diese Chancen nicht wahrnehmen. Zudem wird der Druck für die Männer dadurch größer, weil man als Alleinverdiener eine ganze Familie durchbringen muss. Von der Eltern-Generation werden die Frauen für so eine Entscheidung auch nicht verurteilt, es wird als normal angesehen.

M: Ich kann mir gut vorstellen, dass viele junge Frauen ihre Karriere eher an den Nagel hängen würden als Männer in der gleichen Situation, aber eher weil Sie Ihre Karriere-Chancen schlechter sehen und weniger weil Sie Ihre Verantwortung abgeben möchten.

4. An den Mann: Würdest du deiner Freundin/ Frau verbieten zu feiern/trinken etc., obwohl du es selbst aber machst?

M: Nein, auch Schwestern nicht.

5. An die Frau: Darf dein Freund/Mann feiern/ trinken etc., auch wenn du es nicht darfst?

F: Nein. Wenn ich es nicht darf, dürfte er es auch nicht. Da sollten beide die gleichen Rechte haben. Für unsere Eltern würde das sicherlich einen Unterschied machen und als Mann dürfte man mehr als Frau. Aber für mich kommt das nicht in Frage. Warum sollte man mir etwas verbieten, aber ihm nicht? Generell sollte man sich in einer Beziehung nichts verbieten, aber dass sowas dann für den einen gilt, aber den anderen nicht, ist total daneben. Die tamilische Gesellschaft denkt, man wäre als Frau dann weniger wert, aber das ist Blödsinn. Frauen reagieren ja nicht anders auf Alkohol als Männer, also warum unterscheidet man da so stark zwischen den Geschlechtern?

6. Warum gibt es in dem Punkt oft keine Gleichberechtigung? Dürfen Männer sowas eher als Frauen, wenn ja, warum?

F: Viele Eltern denken, dass ihre Töchter an Wert verlieren, weil sie Spaß haben und ihr Leben genießen. Sie trauen es ihren Töchtern nicht zu, dass sie Mutter, Hausfrau und Ehefrau sein können und gleichzeitig Karriere machen und feiern gehen – nur können wir das. Ohne Probleme. Genauso wie es auch die Männer können. Man sollte den Frauen einfach mal die Chance geben das zu beweisen, vielleicht ändern sich dann die veralteten Meinungsbilder.

M: Meine Eltern haben uns Kinder sehr liberal erzogen. Trotzdem würden sie vermutlich bei meinen Schwestern eher enttäuscht sein. Aber in meinem Fall geht es eher aus der Angst und „Verwundbarkeit“ hervor und nicht weil Geschlechterrollen berücksichtigt werden.

7. Würde es euch stören, wenn euer Partner mehr verdienen würde als ihr?

F: Nein, für mich wäre das überhaupt kein Problem. Am Ende des Tages ist es eh UNSER Geld, also warum sollte man sich sowas nicht gegenseitig gönnen? Ich kann mir aber gut vorstellen, dass man sich als Mann blöde Kommentare anhören muss, wenn die Frau mehr verdient.

M: Nein, ist doch mega nice! 😀

8. Wie sollte der Haushalt (Kochen, Putzen etc.) aufgeteilt werden?

F: Wenn beide arbeiten gehen, sollte man sich den Haushalt und alles andere auch fair aufteilen. Ich muss mir teilweise auch jetzt schon Kommentare anhören, wenn mein Freund beim Kochen hilft, warum ich ihn „zwinge“ in der Küche zu arbeiten. Dass er das freiwillig und gerne macht, interessiert dabei keinen. Das finde ich auch ziemlich schade, weil wir einfach gerne zusammen kochen. In der tamilischen Gesellschaft wird das aber direkt so angesehen, als würden Frauen ihren Männern etwas aufzwingen.

M: 50/50 aus Arbeit + Haushalt + Freiraum/-zeit. Heißt, wenn der eine mehr arbeiten muss, dann muss der andere auch mal etwas unterstützen. Dem wiederum sollte man mit Freizeit verdanken und vice versa!

9. An den Mann: Würdest du deine Frau arbeiten gehen lassen (wenn sie gerne will) und dafür die Kinder erziehen?

M: Ich würde nicht auf meine Karriere für Kinder verzichten. Dann lieber aufschieben, bis es meine Karriere es zulässt. Aber ich würde es nicht meiner Frau aufbinden, wenn Sie genau so karriereorientiert ist, wie ich.

10. An die Frau: Fändest du es schlimm, wenn der Mann die Erziehung übernehmen würde?

F: Ich finde es überhaupt nicht schlimm, wenn Männer die Kindererziehung übernehmen oder auch in Elternzeit gehen, im Gegenteil, diese Zeit bekommt man nie wieder zurück, warum sollte man sich die Gelegenheit also entgehen lassen? Wenn beide das gerne möchten, spricht absolut nichts dagegen. Hierzu habe ich aber auch schon von anderen blöde Kommentare gehört. Man solle dem Mann die Kinder erst nach ein paar Wochen geben, weil Männer nicht wüssten, wie man mit Neugeborenen umgeht etc. Von Frauen wird erwartet, dass sie dann nach der Geburt trotzdem alles alleine im Haushalt übernehmen. Am schlimmsten finde ich hier, dass so Kommentare von Frauen selbst kommen, die schon in dieser Situation waren.

11. Würdet ihr eure Kinder gleich erziehen oder gäbe es Unterschiede zwischen der Erziehung von Söhnen und Töchtern?

F: Ich würde meine Kinder gleich erziehen. Ich möchte, dass sie sehen, dass es absolut keinen Unterschied gibt und alle die gleichen Chancen haben. Was man daraus macht, bleibt jedem selbst überlassen, es hat aber so oder so nichts mit dem Geschlecht zu tun.

M: Exakt gleich, genauso wie ich auch erzogen wurde.

Disclaimer:
Die verfassten Beiträge in dieser Blogreihe werden, beruhend auf persönlichen Erfahrungen und Erlebnissen, verfasst. Die persönlichen Umstände und das persönliche Umfeld spielen dementsprechend eine große Rolle. Somit präsentieren die Artikel nur persönliche Ansichten und möglicherweise auch Lösungsansätze, die nicht auf alle übertragbar sind. Keinesfalls wollen wir implizieren, dass dies die einzig korrekte Sichtweise auf das entsprechende Thema ist oder jemanden damit angreifen. Wir sind dankbar für jedes Feedback und für jede Kritik und respektieren eure geäußerten Meinungen. Ihr könnt gerne eigene Beiträge verfassen und uns zukommen lassen, um auch eure Sichtweisen und Lösungsmöglichkeiten zu präsentieren.

Euer ITSA-Team

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