#8 Hinduistische Hochzeiten

Arani
05. Juni 2020, 19:10 MESZ aktualisiert am 05. Juni 2020, 19:12 MESZ

Tamilen hinduistischen Glaubens kennen drei Arten von Hochzeiten: Als erstes, die standesamtliche Hochzeit, also die schriftlich festgehaltene und gesetzlich anerkannte Hochzeit, als zweites die traditionelle Hochzeit im Tempel und als drittes die Hochzeitsfeier (Reception). Hochzeit Nr.1 und 3 sind den meisten Leuten bekannt und werden üblicherweise von jeder Ethnie und Religion gefeiert. Deshalb werde ich mich nur auf die traditionelle Hochzeit (Nr.2) beziehen und auf die wichtigsten Traditionen und Bräuche eingehen.

Der genaue Tag, an dem die Hochzeit stattfinden soll, wird bei Hindus durch Astrologen mit Hilfe der Geburtsdaten des Brautpaares errechnet, da es Zeiträume gibt, derer man der Meinung ist, dass die Ehe unglücklich verläuft, wenn die Vermählung in diesen ungünstigen Phasen stattfindet.

Wie in auch westlichen Ländern gibt es im Hinduismus die Verlobung bzw. die Verlobungszeremonie. Diese findet im Haus der Braut statt. Betel-Blätter (Thampoolam oder Vetrilai) und Betel-Nuss (Paakku) werden ausgetauscht und auch die Eheringe dürfen nicht fehlen. Die beschlossene Verlobung wird anschließend mit einem Festmahl gefeiert.

Bevor es zur Vermählung kommt, übergibt der zukünftige Ehemann, der Familie der Braut einen echten Goldklumpen. Dieser wird durch einen Goldschmied in einer rituellen Einschmelzungszeremonie zu einem sehr bedeutenden Anhänger (Thaali) umgeformt, welcher üblicherweise an einer Goldkette getragen wird. Während der Zeremonie, wird diese Goldkette mit dem Thaali zur festgelegten Stunde vom Bräutigam um den Hals der Braut gebunden. Die Frau trägt das Thaali in der Nähe ihres Herzens, solange ihr Ehemann lebt. Es dient auch als sichtbares Accessoire dafür, zu zeigen, dass die Trägerin verheiratet ist.

Der Hochzeitstag selbst beginnt mit dem Abholen des Bräutigams in dessen Haus (Maapillai Alaippu). Am Hochzeitstag kommt der Bruder der Braut (oder einer ihrer Cousins), der auch Tholan genannt wird, zum Haus des Bräutigams. Er setzt dem Bräutigam seinen Turban (Thalaipa) auf, begleitet ihn durch die gesamte Zeremonie und steht ihm unterstützend zur Seite. Der Tholan sowie das weibliche Pendant, die Tholi, fungieren so gesehen als Trauzeugen. Tholan und Bräutigam tragen traditionelle Gewänder. Sobald Tholan und Bräutigam am Altar (Manavarai) eingetroffen sind, wird die Hochzeitszeremonie durch einen Priester begonnen.

Wie bei einer westlichen Hochzeit sieht sich das Brautpaar am Hochzeitstag auch erst auf dem Altar. Nur, dass der Altar (Manavarai) bei einer hinduistischen Hochzeit sehr farbenfroh und mit vielen Blumen beschmückt ist.
Bevor der Bräutigam den Zeremonieort (Mandavam) betritt, übergießt der Tholan den rechten Fuß des Bräutigams mit Wasser aus einem Bronzekessel (Chempu). Die Geste symbolisiert die Bedeutsamkeit des Bräutigams. Der Bräutigam bedankt sich beim Tholan mit einem goldenen Ring. Die Schwester des Bräutigams (oder einer seiner Cousinen), die als Begleiterin (Tholi) der Braut fungiert, übergibt dem Bräutigam das Thaali und einen roten Saree (die Farbe Rot steht für Fruchtbarkeit). Die Zeremonie wird musikalisch mit indischen Instrumenten begleitet wie z.B dem Nathswaram, welches hierzulande an eine Art Trompete erinnert, und der Trommel (Thavil/Melam). Gebete werden aufgesagt, um böse Augen fernzuhalten und das Brautpaar erhält vom Priester einen geflochtenen Ring aus getrocknetem Gras (Thetpai), welcher während der Zeremonie am Ringfinger getragen werden muss. 

Mir ist auf Tempelhochzeiten aufgefallen, dass die Braut zu Beginn der Zeremonie immer auf der rechten Seite des Bräutigams Platz nimmt. Erst nach dem Umbinden des Thaalis, wird die Braut offiziell als Ehefrau angesehen. Dann erst darf sie sich auf die linke Seite setzen. Man sagt auch, dass Shaktis Platz neben Shiva auf der linken Seite sei (Shakti ist der weibliche Gegenpart des Hindu-Gottes Shiva). Man kann hier von der Vereinigung zwischen Mann und Frau sprechen. Die linke Hälfte des Körpers gehört der Frau und die rechte Hälfte dem Mann. Deshalb tragen die Frauen normalerweise ihren Ehering auf der linken, während die Männer ihren Ehering auf der rechten Hand tragen.

Ein unentbehrlicher Brauch ist die Omum-Zeremonie. Dabei wird ein Feuer angezündet, um das das Brautpaar in Begleitung von Tholan und Tholi sieben Mal gehen muss. Die sieben Umrundungen stehen für Nahrung, Kraft, Wohlstand, Glück, Nachkommen, ein langes harmonisches Leben und Verständnis. Vor dem Feuer bekennt das Paar “sich zu lieben, zu ehren und sich treu zu sein, in guten wie auch in schlechten Zeiten, bis dass der Tod sie scheidet. Ein Ehegelübde, was euch aus kirchlichen Hochzeiten bekannt vorkommt. Trotz der vielen kulturellen Unterschiede erkennt man dadurch jedoch, dass alle Hochzeiten im Kern ähnlich sind.
 
Als Kind habe ich die Hochzeitszeremonie im Tempel nie richtig verstanden. In jungen Jahren war ich damals mit interessanteren Dingen beschäftigt, wie mit dem Spielen, Quatschen und Herumalbern mit tamilischen Freunden. Wie soll man auch als Kind all diese umfangreichen Hochzeitsrituale verstehen? Ein Kind, was noch so weit entfernt ist vom Heiraten. Auch wenn heute noch mir persönlich die gesamte Zeremonie im Tempel zu lang vorkommt, haben die einzelnen Bräuche jedoch eine sehr schöne und tiefgründige Bedeutung, die auf göttliche Tugenden zurückzuführen sind. Wenn man sich erstmal mit ihnen auseinandergesetzt hat und diese versteht, dann kann man auch einer solch langen und umfangreichen Tempelveranstaltung Vieles abgewinnen. Ich bin ein sehr weltoffener und neugieriger Mensch und interessiere mich sehr für meine Kultur. Im Hinduismus gibt es unglaublich viele Traditionen und bei einer Vermählung weit mehr Bräuche als die, die ich angesprochen habe. Viele davon ändern sich auch mit der Zeit. Man lernt nie aus und es ist nicht selten der Fall, dass es zu einem Brauch mehrere Erklärungen gibt. Deshalb finde ich, dass wir diese Traditionen beibehalten und unbedingt an die nächsten Generationen weitergeben müssen. So wird gesichert, dass das, was uns als Hindus auszeichnet weiter bewahrt wird.

Disclaimer:
Die verfassten Beiträge in dieser Blogreihe werden, beruhend auf persönlichen Erfahrungen und Erlebnissen, verfasst. Die persönlichen Umstände und das persönliche Umfeld spielen dementsprechend eine große Rolle. Somit präsentieren die Artikel nur persönliche Ansichten und möglicherweise auch Lösungsansätze, die nicht auf alle übertragbar sind. Keinesfalls wollen wir implizieren, dass dies die einzig korrekte Sichtweise auf das entsprechende Thema ist oder jemanden damit angreifen. Wir sind dankbar für jedes Feedback und für jede Kritik und respektieren eure geäußerten Meinungen. Ihr könnt gerne eigene Beiträge verfassen und uns zukommen lassen, um auch eure Sichtweisen und Lösungsmöglichkeiten zu präsentieren.

Euer ITSA-Team

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J.
J.
4 Monate zuvor

Ich verstehe nicht so ganz was die Diaspora mit der hinduistischen Hochzeit zu tun hat. Gerade da ihr ja den Fokus auf das Leben zwischen den zwei Kulturen setzt. Die Tatsache, dass man heiratet ist in allen Kulturen bekannt. Und dass die Riten von Volk zu Volk verschieden sind, ist auch allseits bekannt. Bei dem vorherigen Beitrag war der Bezug noch verständlich. Das Mädchen bekommt ihre Tage, plötzlich steht sie im Rampenlicht, es gibt es eine riesen Feier und und und… So etwas hingegen gibt es nicht in jeder Kultur, weshalb es für das Mädchen (,welches zwischen beiden Kulturen aufwächst),… Weiterlesen »

Arani D.
Arani D.
4 Monate zuvor

Gerne gehe ich auf deinen zweiten Punkt ein, der sich konkret auf mein Artikel bezieht. Gegen Ende meines Textes habe ich darüber gesprochen, dass die einzelnen Bräuche eine schöne und tiefgründige Bedeutung haben, die sich auch mit der Zeit ändern können und man nicht auslernen wird. Darauf bezogen schrieb ich, dass diese Traditionen unbedingt an die nächsten Generationen weitervermittelt werden sollten, sodass das Kind darüber aufgeklärt ist. Dabei ging es mir nicht darum, dass die nächsten Generationen hinduistisch heiraten sollten, sondern wie erwähnt aufgeklärt werden. Er / Sie soll dann selbst entscheiden ob, wann und wie er/sie heiraten möchte. Vielleicht… Weiterlesen »

Thuls
Thuls
4 Monate zuvor

Hallo liebes Itsa-Team! Die Beiträge, die ihr bis jetzt veröffentlicht habt waren wirklich so alle ziemlich interessant. Und ich finde es toll, dass ihr in den Stories im Nachhinein Umfragen durchführt. Aber wäre die Aktivität in den Kommentaren hier direkt unter den Beiträgen jeweils nicht von mehr Bedeutung? Wieso macht ihr eure Follower nicht etwas stärker darauf aufmerksam? Ich glaube, ihr könntet noch viel mehr über das Leben zwischen den beiden Kulturen erfahren, wenn ihr den Leuten nur deutlich genug macht, dass diese Kommentarfunktion a) anonym verfasst werden kann, b) Diskussionen erwünscht sind und c) ihr anhand dieser sehen könnt,… Weiterlesen »

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