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#1 Er darf - Sie nicht!

Vinobaah
05. Mai 2020, 19:00 MESZ aktualisiert am 05. Mai 2020, 19:03 MESZ

„Mama ich bin heute Abend mit meinen Freunden in der Stadt unterwegs“ – „Ja pass auf und viel Spaß!“ Erkennst du ob diese Frage von einem Jungen oder einem Mädchen gestellt wurde?

Wer in einer tamilischen Familie aufwächst, der hat durchaus Unterschiede in der Erziehung zwischen Mädchen und Jungen erfahren. Freiheiten, die Jungs eingeräumt werden, wie zum Beispiel lange wegbleiben, feiern gehen, bei Freunden übernachten oder mit Freunden in den Urlaub fliegen, werden bei Mädchen häufig zweimal überdacht oder sogar verwehrt. Wie lässt sich dieser Unterschied erklären und was kannst du ändern, damit es in Zukunft nicht mehr so ist? – Impuls zur Veränderung!

Ich bin mit vier Geschwistern aufgewachsen, die sich in ihrer Kindheit gerne gezofft haben. Wie jede Geschwisterliebe seine witzigen Eigenarten hat, war dies unsere. Auch wenn wir nicht immer einer Meinung waren, haben wir in schwierigen Situationen zueinander gehalten. Tapfer haben wir uns gegenseitig verteidigt. Es gab jedoch Situationen, in denen ich meinen Schwestern unbewusst nicht zur Seite stand.

Hier möchte ich gerne eine kleine Erfahrung aus meinem Leben erzählen! Wie oft fallen uns Situationen ein, in denen wir uns im Nachhinein gerne anders verhalten hätten. In meiner Teenagerzeit durfte ich alleine oder mit Freunden in die nahe gelegene Innenstadt fahren. Meine Eltern haben mir nie verboten dies zu tun – bei meinen Schwestern jedoch haben sie es anders gehandhabt. Auch im Alter von 16 Jahren durften sie nicht alleine mit Freunden etwas unternehmen. Die größte Selbstverständlichkeit blieb meinen Schwestern verwehrt. Zu der Zeit habe ich die Entscheidung meiner Eltern nicht wirklich hinterfragt, doch mittlerweile erkenne ich wie unfair diese ungleiche Behandlung war. Damals habe ich meine Schwestern nicht unterstützt und meinen Eltern nicht aufgezeigt, dass sie meinen Schwestern dieselben Freiheiten einräumen sollten wie uns Jungs.

Angefangen bei banalen Sachen, wie in die 10 Minuten entfernte Innenstadt zu fahren, bis hin zum Druck, der Mädchen auferlegt wird, sobald sie in den Augen der Eltern ein heiratsfähiges Alter erreichen – Gleichberechtigung sieht anders aus! Aber womit hängt das zusammen? An dieser Stelle möchte ich gerne meine Wahrnehmung mit dir teilen, die natürlich rein subjektiv ist.

Es besteht eine klare Rollenverteilung in der Generation unserer Eltern und ihre Erziehung legt den Grundstein für diese. Der Vater ist üblicherweise der Hauptverdiener, Familienoberhaupt und verantwortlich für wichtige Entscheidungen, wohingegen die Mutter für den Haushalt und weitestgehend für die Erziehung der Kinder zuständig ist. Um später diese Aufgaben übernehmen zu können, wird in der Erziehung bei den Geschlechtern unterschieden. Sind Gäste zu Besuch, werden Töchter darum gebeten, diesen zum Beispiel Tee zu bringen. Darüber hinaus wird von ihnen beispielsweise auch verlangt kochen zu lernen – Pflichten, die ein Junge nicht erfüllen muss!

Eine der größten Sorgen der Generation meiner Eltern ist es, die Tochter zu verheiraten und sie zu einer guten Schwiegertochter zu erziehen. Sie muss in den Augen der tamilischen Gesellschaft einen anständigen Ruf haben. Dazu zählt, dass sie sich der tamilischen Gesellschaft fügt und ihre Werte vertritt. Wird eine Frau alleine mit einem Mann in der Öffentlichkeit gesehen, wird eine Frau abends in Bars oder Clubs gesehen oder trinkt eine Frau Alkohol, schadet dies dem Ruf. Um diese und ähnliche Umstände vorzubeugen, treffen Eltern lieber vorbeugende Maßnahmen und schränken gewisse Freiheiten ein. Darüber hinaus haben Eltern das Bedürfnis ihre Töchter stärker schützen zu müssen, da sie sehr besorgt um sie sind. Frauen sind aus Sicht der Eltern in der Außenwelt höheren Gefahren ausgesetzt und können sich körperlich nicht so gut verteidigen. In ihren Augen dient diese Art der Erziehung nur zum Schutz.

Du siehst, dass unsere Eltern in der Erziehung prinzipiell nur zu unserem Wohl agieren. In ihrer eigenen Erziehung haben sie es nicht anders gekannt und diese Art der Erziehung auch nicht hinterfragt. Wir werden durch den westlichen Einfluss dazu erzogen, alles kritisch zu hinterfragen.  Deshalb ist es unsere Aufgabe unsere Eltern mitzuerziehen – Erziehung findet in beide Richtungen statt – Stichwort Kommunikation! Du solltest nach Möglichkeit immer das Gespräch mit deinen Eltern suchen. Anfangs wirst du wahrscheinlich auf wenig Verständnis und Zustimmung stoßen, aber der Tropfen höhlt den Stein nicht durch Kraft, sondern durch stetes Fallen. Dabei ist es von besonderer Bedeutung, dass sich vor allem Jungs auch für Mädchen einsetzen und für eine Gleichberechtigung sorgen!

Unsere Generation hat schon einen entscheidenden Einfluss der westlichen Werte, bezogen auf die Gleichberechtigung von Mann und Frau. In den weiteren Generationen denke ich, dass die westlichen Werte den tamilischen Erziehungsstil ergänzen werden. Das gesellschaftliche Bild einer Frau bewegt sich in Zukunft zu einer Lockerung der Rollen.

„Mama ich bin heute Abend mit meinen Freunden in der Stadt unterwegs“ – „Ja pass auf und viel Spaß!“ Erkennst du ob diese Frage von einem Jungen oder einem Mädchen gestellt wurde? Es lässt sich nicht mit Sicherheit beantworten – da wollen wir hin!

Disclaimer:
Die verfassten Beiträge in dieser Blogreihe werden, beruhend auf persönlichen Erfahrungen und Erlebnissen, verfasst. Die persönlichen Umstände und das persönliche Umfeld spielen dementsprechend eine große Rolle. Somit präsentieren die Artikel nur persönliche Ansichten und möglicherweise auch Lösungsansätze, die nicht auf alle übertragbar sind. Keinesfalls wollen wir implizieren, dass dies die einzig korrekte Sichtweise auf das entsprechende Thema ist oder jemanden damit angreifen. Wir sind dankbar für jedes Feedback und für jede Kritik und respektieren eure geäußerten Meinungen. Ihr könnt gerne eigene Beiträge verfassen und uns zukommen lassen, um auch eure Sichtweisen und Lösungsmöglichkeiten zu präsentieren.

Euer ITSA-Team

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