#6 Feiern, Alkohol, Jungs – und das als Tamil-Mädchen

Anonym
28. Mai 2020, 13:37 MESZ aktualisiert am 28. Mai 2020, 13:37 MESZ

Für viele ist das ein absolutes Tabu-Thema, vor allem Zuhause bei der Familie. Bei mir war es genau das Gegenteil und ich möchte euch gerne erzählen warum und wie ich es soweit geschafft habe. Ich hoffe, dass dieser Artikel einigen da draußen helfen wird!

Ich bin in einer großen Familie aufgewachsen. Als mittleres Kind hat man dadurch viele Vor- und Nachteile. Für mich waren es mehr Vorteile, was das Thema Feiern und Alkohol angeht. Denn nachdem mein Bruder schon Jahre zuvor darum gekämpft hat, musste ich nicht mehr viel dazu beisteuern als ein einfaches: „Aber Annna durfte das doch auch“. Klar war die Sache damit nicht gegessen, denn der große Unterschied zwischen uns ist, dass ich nun mal ein Mädchen bin. „Niemand wird dich heiraten“ – der absolute Standardsatz zu allem. Für mich aber in keiner Weise ein Hindernis. Statt meine Eltern für solche Aussagen anzuschreien oder wütend zu sein, habe ich offen und ehrlich mit ihnen geredet und ihnen viele Fragen gestellt: „Wenn ein Junge mich im Club sieht und mich nur deswegen nicht heiraten will, will ich ihn sowieso nicht, denn er geht doch selber feiern“ oder „Ich gehe einfach nur mit meinen Freunden für ein paar Stunden tanzen und komme dann wieder zurück, was ist so schlimm daran?“. Ich durfte also nach einigen Fragen und Diskussionen feiern gehen und sieh an, es lief alles gut. Ich war dort, hatte Spaß, kam nach Hause und das Leben ging weiter. Ich war immer noch derselbe Mensch, war nicht plötzlich „schlecht“ oder „beschmutzt“. Das haben meine Eltern schnell realisiert und seitdem ist das Thema „Feiern“ kein Problem mehr. Natürlich hat das nicht alles von heute auf morgen geklappt, man muss es in kleinen Schritten angehen und dranbleiben. Für unsere Eltern heißt feiern gehen all das, was sie in jeglichen Filmen sehen, denn sie selbst waren meistens nie auch nur in der Nähe eines Clubs. Man sollte ihnen also erklären, dass feiern gehen nicht gleich bedeutet, dass man komplett zugedröhnt irgendwo anders am nächsten Morgen aufwacht.

Zum Feiern gehört auch oft der Alkohol dazu. Anfangs habe ich heimlich getrunken. Ich dachte meine Eltern würden ausrasten, wenn sie es wüssten, denn weder mein Vater noch meine Mutter trinken Alkohol.

Doch auch das kam einfach mit der Zeit und wurde normal. Ich denke meine Eltern haben über die Jahre selber viel dazugelernt, über das Land und die Kultur hier und sie wollten uns den Weg als Diaspora nicht erschweren. Mein Vater hat den Alkoholkonsum nicht verboten, er hat normal mit uns darüber geredet und gesagt, dass wir unsere Grenzen kennen sollten. Ihm war es lieber, wir trinken Zuhause in Sicherheit, als draußen wo viele Dinge passieren können. Und auch hier haben meine Geschwister und ich unseren Eltern einfach gezeigt, dass Alkohol nicht schlimm ist, wenn man es nicht jedes Mal maßlos übertreibt.

Als ich meinen Geburtstag in einem extra Raum gefeiert habe, habe ich dafür auch sehr viel Alkohol gekauft. Meine Eltern waren anfangs schockiert, weil sie Angst hatten, dass alle übertreiben werden, aber wisst ihr was ich gemacht habe? Damit meine Eltern mir vertrauen und sehen, dass alles halb so wild ist habe ich ihnen gesagt, dass sie zu meiner Party kommen sollen. Jap, ihr denkt bestimmt ich wäre total verrückt, aber es lief echt super. Meine Eltern kamen erst gegen 01:30 Uhr vorbei, tausend leere Flaschen standen rum, 80% der Gäste –von denen der Großteil tamilisch war– war betrunken und wir haben zu lauter Musik alle gemeinsam getanzt, Jungs und Mädels. Meine Eltern kamen herein, haben alle begrüßt, mit dem ein oder anderen geredet und einfach nur gesehen, dass wir alle glücklich sind und es allen gut geht. Selbst meine betrunkenen Freunde haben normale Gespräche mit meinen Eltern geführt. Als meine Eltern kurze Zeit später wieder gegangen sind, haben sie uns einfach nur viel Spaß gewünscht. Mit dieser Aktion habe ich meinen Eltern gezeigt, dass ich nichts „Verbotenes“ tue, dass ich sie an meinem Leben teilhaben lassen möchte und dass ich ihnen gerne die Leute zeigen möchte, mit denen ich alles erlebe. Nachdem sie die Gesichter zu den einzelnen Namen kannten und gesehen haben, dass meine Freunde nicht anders sind als ich, waren sie einfach beruhigt und haben gesehen, dass es nichts Verwerfliches an Partys und Alkohol gibt – solange man nicht komplett übertreibt! Als ich die Male danach bei Jungs zu Partys eingeladen wurde – sogar in deren WGs, war das für meine Eltern überhaupt kein Problem. Denn sie kannten die Jungs ja mittlerweile und haben gesehen, dass diese Jungs genauso erzogen wurden, wie auch sie ihre Söhne erzogen haben.

Natürlich war das mit den Jungs auch nicht immer so, zumal ich viele deutsche Freunde habe und ausgerechnet mein bester Freund auch noch ein „Weißer“ ist. Dass er mich mit seinem Auto vor unserer Haustür abgeholt hat, war nie ein Problem. Klar dachten meine Eltern anfangs, es wäre mehr als nur Freundschaft. Mit der Zeit haben sie aber verstanden, dass wir einfach nur beste Freunde sind. Das Abholen war für sie also kein Problem, denn sie wussten ja wer er ist, aber die Sorge war trotzdem groß. Was wenn mich andere Tamilen sehen? Was wenn daraufhin direkt Gerüchte in die Welt gesetzt werden? Meine Eltern hatten Angst, dass Geschichten über mich erzählt werden, die ganz klar falsch sind. In dieser Situation sind sie das Risiko aber einfach eingegangen. Die meisten Tratschtanten da draußen erhoffen sich ja, dass sie etwas Neues und „Krasses“ erzählen können, was alle anderen umhaut. Hätten diese Leute aber meine Eltern angerufen und erzählt, dass man mich irgendwo mit einem weißen Jungen gesichtet hätte, hätten meine Eltern einfach gesagt „Ja klar, das wissen wir, das ist ihr bester Freund“. Nehmt den ganzen Tratschtanten da draußen einfach ihre Druckmittel, indem ihr ehrlich zu euren Eltern seid.

Vor einigen Jahren ging auch mal in unserer Stadt ein Gerücht rum, man hätte mich mit einem weißen Jungen, Händchen haltend, in der Stadt gesehen. Anstatt auszurasten und mir Verbote zu erteilen, hat meine Mutter mich normal darauf angesprochen. „Sei bitte ehrlich, es ist auch nicht schlimm, wenn es stimmt“. Ich habe meiner Mutter erklärt, dass es nicht stimmt, denn es wäre ja ziemlich dumm von mir, wenn ich mich HEIMLICH mit einem Jungen mitten in der Stadt treffen würde. „Ja stimmt, du bist viel zu intelligent für sowas“ – Ende der Geschichte. Sie hat mir vertraut und das Gerücht wurde aus der Welt geschafft.

Ich kenne auch viele Mädels und Jungs, die nicht mit Freunden in den Urlaub dürfen. Auch das war bei mir nicht von Anfang an eine Selbstverständlichkeit. Aber auch hier kommt der Fortschritt nur Schritt für Schritt. Angefangen haben wir mit einem Wochenende in Holland, es ist quasi um die Ecke und wir hätten jederzeit zurückkommen können. Weil das so gut geklappt hat, haben wir unsere Ziele immer weiter weg von Zuhause gesetzt. Mittlerweile fragen meine Eltern von selbst, wohin wir dieses Jahr verreisen wollen. Wisst ihr woher dieses Vertrauen kommt? Wie wir ihnen die Angst nehmen konnten, uns so weit weg verreisen zu lassen? Wir alle haben unsere Eltern jeden Tag angerufen. Nicht weil wir das MUSSTEN, sondern weil wir es WOLLTEN. Per Videocall mal eben das Hotelzimmer zeigen, Fotos von uns, den Sehenswürdigkeiten und dem Essen. Ich habe meinen Eltern immer erzählt was wir so vorhaben und wie es bisher so war. Dadurch haben meine Eltern gesehen, dass es nicht schlimm ist, die Kinder auch mal alleine wegzuschicken. Wir standen ständig im Kontakt und es gab keinen Grund zur Sorge.

Und genau das meine ich, redet einfach ehrlich mit euren Eltern. Das Vertrauen muss von beiden Seiten da sein. Zeigt euren Eltern, dass ihr sie nicht aus eurem Leben ausschließen wollt, sondern dass sie ein Teil davon sein sollen. Meine Eltern und ich reden wie Freunde miteinander, das war nicht immer so, aber ich habe mich Schritt für Schritt rangetastet um zu sehen, wie weit ich mit gewissen Themen gehen kann.

Denn klar ist, wir haben es schwer als Diaspora zwischen zwei Kulturen aufzuwachsen, aber haben es unsere Eltern nicht mindestens genauso schwer? Immerhin sind sie auch Teil der Diaspora.

Sie sind aus ihrer Heimat geflüchtet und kommen in ein fremdes Land, dessen Kultur sich von unserer unterscheidet wie Tag und Nacht. Unsere Eltern haben gemerkt, dass sie uns nicht so erziehen können, wie ihre Eltern es damals getan haben, denn diese Situation ist ganz neu. Unsere Eltern wachsen mit uns und lernen aus jeder Erfahrung hinzu. Ich bin stolz auf meine Eltern, weil sie mit ihren Herausforderungen gewachsen sind und immer versucht haben die bestmögliche Entscheidung für mich zu treffen.

Natürlich hat es nicht jeder so einfach und es ist auch leicht zu sagen „Redet einfach mit euren Eltern“, aber versucht es einfach. Nicht jede Diskussion muss in einem Streit ausarten. Man kann in einem normalen Tonfall Fragen stellen und die Eltern dazu bringen, ihre Meinung mal zu überdenken. Ich habe keine Geheimnisse vor meinen Eltern, ich verschließe mich nicht und gebe meinen Eltern nicht das Gefühl, dass sie nicht an mich rankommen.

Sie kennen mich und mein Umfeld, kennen meine Freunde alle persönlich und wissen somit immer mit wem ich wo unterwegs bin. Meine Eltern wollten nie, dass ich ausgeschlossen werde von anderen, weil unsere Kultur anders ist und haben mir dadurch viel erlaubt. Da ich ihnen gezeigt habe, dass ich ihr Vertrauen nicht missbrauche, habe ich nach und nach immer mehr Freiheiten bekommen. Mittlerweile müsste ich meine Eltern kaum um Erlaubnis fragen, ich frage aber trotzdem, einfach weil mir ihre Meinung wichtig ist und das möchte ich ihnen auch damit zeigen.

Und hey, wenn wir irgendwann mal Kinder haben, werden wir auch nicht ab Tag 1 die perfekten Eltern sein. Meine Eltern sind mittlerweile Mitte 50 und sagen selbst, dass sie damals viel falsch gemacht haben in der Erziehung, weil sie es einfach nicht besser wussten. Aber durch Fehler lernt man und es ist nie zu spät etwas zu ändern.

 

Disclaimer:
Die verfassten Beiträge in dieser Blogreihe werden, beruhend auf persönlichen Erfahrungen und Erlebnissen, verfasst. Die persönlichen Umstände und das persönliche Umfeld spielen dementsprechend eine große Rolle. Somit präsentieren die Artikel nur persönliche Ansichten und möglicherweise auch Lösungsansätze, die nicht auf alle übertragbar sind. Keinesfalls wollen wir implizieren, dass dies die einzig korrekte Sichtweise auf das entsprechende Thema ist oder jemanden damit angreifen. Wir sind dankbar für jedes Feedback und für jede Kritik und respektieren eure geäußerten Meinungen. Ihr könnt gerne eigene Beiträge verfassen und uns zukommen lassen, um auch eure Sichtweisen und Lösungsmöglichkeiten zu präsentieren.

Euer ITSA-Team

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